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Deutschlands Privatsphäre ist kein Paradoxon

Zu den inter­es­san­teren Din­gen im Inter­net gehört ja die Auseinan­der­set­zung. Das ver­wech­seln manche mit der Anzahl von Kom­mentaren unter einem Beitrag, wenn sich da auch oft­mals nur Auf­spieler gesellen. Einen entschei­den­den Impuls, neue Inter­net­tech­niken zu ver­wen­den, bekam ich durch ein Videoin­t­er­view von Jeff Jarvis, der dazu aufrief, neue Tech­niken auszupro­bieren und sich nicht von Bedenken aufhal­ten zu lassen. Es ist Zeit, sich mal mit Jarvis auseinan­der zu setzen.

In Wik­ileaks: Power shifts from secrecy to trans­parency nimmt er seinen inzwis­chen bekan­nten Stand­punkt ein: Am besten behält man im Inter­net nichts für sicht, ist max­i­malst öffentlich und Deutsch­land ist ein Daten­schutzmiesepeter, der das Spiel verdirbt.

Ich dage­gen bin total froh, dass es so eine Posi­tion wie die deutsche gibt, und dass nicht deswe­gen, weil ich deutsch bin. Vielle­icht ist es so, dass die deutsche Posi­tion etwas mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Aber dieser Bezug ist, wenn, dann indi­rekt und das Rum­spekulieren hierin nervt in Deutsch­land viele. Aber hal­ten wir mal fest, dass es in Deutsch­land neg­a­tive Erfahrun­gen gibt mit den Ein­grif­fen in die Privatshäre.

Es ist vielle­icht der­ar­ti­gen deutschen Erfahrun­gen geschuldet, dass es in Deutsch­land ein Recht auf infor­ma­tionelle Selb­st­bes­tim­mung gibt. Dieses Recht ist etwas, was bei Jarvis nicht vorkommt, nicht vorge­se­hen wird. Warum eigentlich? Weil es sowas in Amerika nicht gibt? Weil er es für ein sin­n­freies Bürokratiegerüm­pel hält?

Bei Jarvis gibt es keinen Unter­schied im Inter­net zwis­chen Din­gen der Öffentlichkeit und der Pri­vat­sphäre: Wenn eine Öffentlichkeit etwas geheim hal­ten will, so muss es gut auswählen, was es wie geheim hält, und Depeschen sind wohl inzwis­chen kein geeignetes Mit­tel mehr. Was der Pri­vat­mann geheim hal­ten will, schreibt er am besten nicht ins Inter­net. Sein Haus darf aber rein, das kann man von der Straße aus sehen, ebenso darf es ins Internet.

Jarvis nennt das Ver­hal­ten, wenn Deutsche ihr Recht auf infor­ma­tionelle Selb­st­bes­tim­mung in Anspruch nehmen, man­isch. Das ist es aber grund­sät­zlich nicht. Zwar sind manche ver­pix­elte Bilder in Google Maps in ihrer Sinnhaftigkeit stre­it­bar, wenn z.B. ein erster Stock eines Hauses ver­pix­elt ist, das Erdgeschoss des Hauses nicht. Staaten haben nicht das Recht, Men­schen in all ihre Pri­vat­sphäre hineinzus­pi­onieren, nur weil sie ihre Staaten sind.

Das Innere einer Woh­nung gehört in Deutsch­land zur schutzw­erten Pri­vat­sphäre. Das mag man als Ausle­gungssache betra­chten. Man sollte es nur zunächst fes­thal­ten. Und diese Pri­vat­sphäre soll am Putz des Hauses sein Ende finden? Das halte ich für frag­würdig. Häuser geben durch ihr Äußeres in unter­schiedlicher Weise Auskunft über ihre Besitzer. Ich kann mir Ver­hält­nisse denken, in denen der Bewohner eines Hauses sin­nvoller Weise der Ansicht ist, dass das Betra­chten seines Hauses einen gewis­sen Ein­blick in seine Pri­vat­sphäre ver­schafft. In einem so umzäunt– und umheck­ten Land wie Deutsch­land ist eine solche Hal­tung sicher­lich auch kul­turell manifestiert.

Das gibt allerd­ings keiner Firma und keinem Mei­n­ungs­macher das Recht, über ein der­art eingeräumtes Recht hin­weg zu gehen, weil man selbst meint, es sei über­holt. So sim­pel sieht die Sach­lage aus.

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