Gute Nacht da draußen, wo immer ihr auch seid.

Adriana Altaras — Doitscha

buchleser Dieses Buch hat mich doch sehr irri­tiert. Es wird von Kri­tik­ern dur­chaus gelobt, nur kann ich dem nichts abgewin­nen. Eine jüdis­che Mut­ter hat ihr Fam­i­lien­leben, dass von der ener­gis­chen Auseinan­der­set­zung ihres Sohnes David mit dem mün­ster­ländis­chen Vater geprägt ist, zu organ­isieren. Hier­brei tre­f­fen Tem­pera­ment und Iden­titäts­find­ung aufeinan­der.
Es fehlt dem Buch an sprach­lichem Niveau, wobei es nicht boden­los schlecht for­muliert ist, nur eben reizarm, nicht erhel­lend, platt. Es ist eine Art Gaby Hau­upt­mann für eine jüdis­che Pro­tag­o­nistin. Wenn diese allerd­ings jüdisch als genetisch vererbt betra­chtet und auch sonst jüdisch eher ein Acces­soir als Überzeu­gung ist, verkommt die ganze Geschichte zu Plapperei.

Dave Eggers — The Circle

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Die frisch geback­ene Uni-Abolventin Mae kommt auf Anraten ihrer Fre­undin bei der größten, Infor­ma­tio­nen sam­mel­nden Firma unter. Gle­ich zu Beginn wird sie her­zlich begrüßt, auf die Wichtigkeit der Gemein­schaft im Unternehmen eingeschworen, während man gle­ichzeitig all ihre per­sön­lichen Infor­ma­tio­nen abgreift, die ver­füg­bar sind. Mae verin­ner­licht bere­itwillig die Arbeit­sat­titüde mehr und mehr und fällt die Kar­ri­ereleiter hoch. Das führt allerd­ing zu Prob­le­men im pri­vaten Bereich.

Eggers Roman ist eine neuzeitliche Mis­chung aus Orwells 1984 und Rhues Die Welle. Lei­der ist das hoch hin­aus wol­lende, aber geist­lose und klis­chee­hafte Buch strun­zlang­weilig geraten.

Mary Scherpe — An jedem einzelnen Tag

buchleserMary Scherpe ist eine bekan­nte Mode­blog­gerin. Und sie hat einen Stalker. Der schickt ihr tagtäglich irgendwelche Dinge, mis­cht sich in ihre Pri­vatleben ein, kon­tak­tiert Fre­unde, ver­folgt sie. In diesem Buch schreibt sie nieder, was passiert ist. Wie sie ver­sucht hat, ihn zu brem­sen, ihn zu ver­ste­hen, ihm zu helfen. Wie sie scheit­erte und wie es ihr zusetzte.

Die Stärke des Buches ist, dass Scherpe nicht in fem­i­nis­tis­che Klis­chees abwan­dert, ihre eigene Rolle nicht merk­lich schön­schreibt und sprach­lich sehr gut for­muliert. So ist der Leser erstaunt, was ihr alles wider­fährt, aber auch irri­tiert, weswe­gen sie ihn vor Fre­un­den ern­sthaft als Affäre kaschiert oder ver­sucht, sich seines Prob­lems anzunehmen.

Das Buch ist nicht moral­isierend, nicht objek­tiv, aber offen und schildert, wie Stalk­ing heutzu­tage von­stat­tengeht. Und es ist ein Plä­doyer dafür, sich zu wehren, wenn man ange­gan­gen wird.

Mary Scherpe, An jedem einzel­nen Tag. Mein Leben mit einem Stalker, Bastei Lübbe, 14,99€ (gebun­dene Ausgabe)/ 11,99€ (eBook)

Christian Wulff — Ganz oben, ganz unten

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Man muss die ersten 100 Seiten dieses Schmök­ers über­leben, sowie die unkri­tis­che Hal­tung zu Parteien­demokratie und der eige­nen Rolle als Bun­de­spräsi­dent nicht auf die Gold­wage legen, dann geht es bei Chris­t­ian Wulff zur Sache:

  1. Seine Aus­führun­gen zum Thema Inte­gra­tion liefern den Unter­bau zur Behand­lung des The­mas als Bun­de­spräsi­dent und zeigen, dass er mit diesem Thema bis­lang besser punk­ten kon­nte als sein Nach­fol­ger Gauck mit dem Thema “Freiheit”.
  2. Seine Aus­führun­gen zur christlichen Inter­pre­ta­tion vom gesellschaftlichen Miteinan­der sind beacht­enswert — ger­ade in direk­ter Kon­fronta­tion zu fundamentalistisch-christlichen Stim­men aus Deutschland.
  3. Seine Manöverkri­tik vor allem an “Blödzeitung” (Paul Stöver), SPIEGEL und FAZ wer­fen die Frage auf, weswe­gen es bei den entsprechen­den Ver­la­gen nichts, aber auch gar nicht gegeben hat, um den Qual­ität­sjour­nal­is­mus nicht an der Nase durch die Manege zu schleifen; Gerüchte wur­den wie Tat­sachen behan­delt, Ent­las­ten­des unter den Tisch fallen gelassen, dro­hende Neg­a­tivschlagzeilen als Erpres­sungs­ge­gen­stand genutzt. Man hat ohne Zwang die Hosen runter gelassen.

Und so schreibt Peer Stein­brück über das Buch:

Mit einem gewis­sen Abstand stellen sich der ‘Abschuss’ und die Entwürdi­gung von Chris­t­ian Wulff als Skan­dal eines gewalt­täti­gen Jour­nal­is­mus im Umgang mit einem Poli­tiker dar. […] Die Spiegel-Affäre vor über 50 Jahren war schlechthin der Skan­dal der Poli­tik im Umgang mit einem kri­tis­chen Jour­nal­is­mus und der Presse­frei­heit. Jetzt ist es umgekehrt.

Bei der FAZ ist Jür­gen Kaube vom Buch nicht begeis­tert. Wen wundert’s.

Akif Pirinçci — Deutschland von Sinnen: Shitstorm in Buchform

Da hat es ein Ibben­bürener mal wieder in die ZEIT geschafft. Es geht um Ijoma Man­golds Ver­riss von Akif Pir­inçcis Deutsch­land von Sin­nen.

Pir­inçci hat 1989 mit Fel­i­dae einen lesenswerten Katzenkrimi geschrieben, der ein Best­seller wurde. Danach ver­suchte er diese Romantier­form am Köcheln zu hal­ten, was lei­dlich gelang. Lesenswert ist das alles nicht. Nun hat er seine Homo­pho­bie oder sein homo­phobes Geschwätz, denn als homo­phob sieht er sich nicht, zusam­men mit seiner Islam­o­pho­bie zwis­chen Buchdeckel gepresst. Es ist das argu­men­ta­tives Armut­szeug­nis eines Hauptschu­la­b­sol­ven­ten, dem weit­ere Bil­dung nie ein Bedürf­nis war, so dass er zu einer Auseinan­der­set­zung mit dem Begriff des Recht­staats nie gelangt ist. Seine Argu­men­ta­tions­form begrenzt sich auf das Dif­famieren der als fun­da­men­tal­is­tisch gekennze­ich­neten Gegen­po­si­tion, was seine eigene, ebenso bloß daher­be­haupteten Posi­tio­nen als recht­ens erweisen soll. Tut es aber nicht. Ein Pam­phlet für die Deine-Mudda–Gen­er­a­tion und für den Rest ein Fall fürs Altpapier:

Es ist ohne­hin ein Skan­dal und eine boden­lose Frech­heit, die indi­gene Bevölkerung als einen Haufen von reak­tionären, Nazis, ja, ver­hin­derten Mördern zu verunglimpfen, sobald sie mitbes­tim­men möchte, mit welcher Sorte von Men­schen sie in ihrem eige­nen Land zusam­men­leben wün­scht und mit welcher nicht. (Akif Pir­inçci, Deutsch­land von Sin­nen, S. 27 in der epub-Version)

Sowas kann man nur ohne Hirn­in­farkt schreiben, wenn man nicht ver­standen hat, was ein Rechtsstaat im Kern ist.

Man­gold lässt sich lei­der von diesem aufgewiegel­ten Geschwätz anheizen und ver­gle­icht das Mach­w­erk allen Ern­stes, unnötiger Weise und völ­lig unüberzeu­gend mit Hitlers Mein Kampf:

Dieses Buch ist das Pro­dukt eines wild gewor­de­nen Auto­di­dak­ten. Im Bra­mar­basieren über alles und jedes, in der schein­bar wider­stand­slosen Her­stel­lung von Evi­denz und Zusam­men­hang, in der tri­umphal­is­tis­chen Geste der Ent­larvung von medi­alen Lügenge­spin­sten, in seiner Mis­chung aus Bru­tal­ität und Heulerei erin­nert das Buch – ich schwöre, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezo­gen in meinem Beruf­sleben – an Adolf Hitlers Mein Kampf.

Das tut es nicht. Hitler hatte eine Agenda, set­zte entsprechend um, was er in seinem Buch anspin­nte, so hölz­ern geschrieben es auch ist. Pir­inçci schreibt nicht hölz­ern, son­dern er argu­men­tiert brech­stan­ge­nar­tig. Man­gold heizt so den Shit­storm, den das eigentlich in Rede ste­hende Buch verkör­pert, nur weiter an.

Ste­fan Willeke reagiert auf die Empörun­gen zu Man­golds Kri­tik, indem er Aufmüp­fige kon­tak­tiert. Darunter Herrn H. aus Ibben­büren, der Man­golds Text wohl als “geisti­gen Dün­npfiff” charak­ter­isiert hat. In die Fäkalsprache hatte allerd­ings auch Man­gold schon einges­timmt. Der angerufene Herr H. legt zunächst ein­fach auf, wird aber ein zweites Mal angerufen:

Dies­mal sagt er, bevor er auflegt: “Mich inter­essiert Ihre Zeitgeist-Postille nicht.”

Schöne Rep­lik, allerd­ings nicht ganz so überzeu­gend, wenn man eigens Leserbrief-Mails an die Redak­tion schreibt.

Willeke selbst ver­fängt sich im Shit­storm dann noch wie folgt:

Sind wir, die Jour­nal­is­ten der großen Zeitun­gen, unehrlich? Man muss über uns keine Stu­dien anfer­ti­gen, um zu erken­nen, dass wir stärker zum rot-grünen Milieu tendieren als die meis­ten Wäh­ler. Natür­lich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natür­lich leben wir viel zu oft in densel­ben bürg­er­lichen Stadt­teilen der­sel­ben Großstädte, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Alt­bau, hohe Decken, Fis­chgrät­par­kett. Natür­lich lei­det unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selbst in einer Homogen­itäts­falle der urba­nen Mit­telschicht stecken, wird nicht der Umkehrschluss zuläs­sig, Pir­inçci leiste aufrichtige Basis­ar­beit. Viel unheil­voller ist es, wenn der Dem­a­goge Pir­inçci von seiner Bon­ner Villa aus die Geräusche der Straße imi­tiert, um damit reich zu werden.

Ach Gottchen. Wer Pir­inçci Argu­men­ta­tion­s­muster nicht passend analysieren kann, ohne ihm der­art Dinge zu unter­stellen, der argu­men­tiert für Leser nicht grundle­gend anders als Pir­inçci selbst. Und wer bitteschön hat nach dieser selb­stver­liebten Jour­nal­is­ten­flanke gefragt?

Jens Mühling — Mein russisches Abenteuer

buchleserDieses Buch ist eine Art Road-Movie zwis­chen Buchdeck­eln quer durch Rus­s­land und die Ukraine. Müh­ling ist auf der Suche nach wahren Geschichten, von denen ihm ein Fre­und mal sagte, es gäbe sie nur in Rus­s­land zu finden. So macht er sich eines Tages auf den Weg, Agafja Lykowa zu tre­f­fen, was sich als waghal­siges, wenn nicht gar lebens­ge­fährliches Aben­teuer erweist.

Man lernt in diesem Buch vieles über die Geschichte Rus­s­lands und einiges über den Umgang mit Russen. Agafja Lykowa ist wohl die Dame in diesem Video:

Ein sehr lesenswerter Schmöker für alle, die mal einen Blick über den Teller­rand wagen wollen.

Agnes Hammer: Ich blogg dich weg!

Ich blogg dic weg!Jule ist ein junges Mäd­chen, das mit ihrer Band beim Schulfest auftreten soll. Dann erhält sie jedoch anonyme E-Mails, Beschimp­fun­gen und Dro­hun­gen. Ein Fake-Profil von ihr taucht im Inter­net auf und ihr wird nahe gelegt, die Band zu ver­lassen. In dieser starken Bedräng­nis kommt es schließlich zur gewalt­täti­gen Auseinandersetzung.

Das Buch von Agnes Ham­mer behan­delt ein sehr aktuelles Thema: Die Prob­lematik, dass Jugendliche ein­er­seits in der realen und ander­er­seits in der virtuellen Welt unter­wegs sind, und es schwierig wird, wenn Prob­leme der einen Sphäre mit der anderen in Berührung kom­men, indem anonymes Mob­bing betrieben wird.

Was der Leser schnell merkt, ist, dass es sich hier­bei um eine klas­sis­che Schullek­türe han­delt, und das ist auch schon das Manko des Buches, wenn man so will: Die Geschichte ist über­raschungsarm, vorherse­hbar, das klas­sis­che Prob­lem, dass die jugendliche Erzäh­lerin mit mitunter arg ver­schachtel­teln Sätzen alles andere als jugendlich klingt, sowie dass sich die Akteure für Jugendliche doch sehr abgek­lärt ver­hal­ten. Bei ero­tis­chen Sit­u­a­tio­nen wirkt die polit­i­cal cor­rect­ness dann schon mal belustigend.

Aber als Schullek­türe, und für eine kom­mu­nika­tive Behand­lung durch Jugendliche ist das Buch, das einen für Jugendliche sehr fairen Preis hat, sicher­lich her­vor­ra­gend geeignet.

Kurt Flasch — Warum ich kein Christ bin

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Der englis­che Philosoph Bertrand Rus­sell hat 1927 einen Vor­trag mit dem Titel Warum ich kein Christ bin gehal­ten. Darin kri­tisiert er christliche Argu­men­ta­tio­nen wie Gottes­be­weise und moralis­che Argu­mente als wider­prüch­lich und nicht kon­sis­tent. Ein Christ ist für Rus­sell jemand, der an Gott, Unsterblichkeit und Chris­tus glaubt:

Ich meine, man muss wenig­stens daran glauben, dass Chris­tus, wenn schon nicht göt­tlich, so doch zumin­d­est der Beste und Weis­este der Men­schen war. Wenn Sie nicht ein­mal soviel von Chris­tus glauben, haben Sie meiner Ansicht nach kein Recht, sich als Chris­ten zu bezeichnen.

Der deutsche Philosoph Kurt Flasch geht in seinem aktuellen Buch Warum ich kein Christ bin in ähn­licher Hin­sicht diverse Tex­tau­seinan­der­set­zun­gen mit bib­lis­chen Stellen und Argu­men­ta­tio­nen von christlicher Seite ein. Das alleine ist schon sehr lesenswert. Im Grunde sagt er aber gar nichts anderes als Russell:

Ja, ich bin kein Christ, wenn man unter einem Chris­ten jeman­den ver­steht, der an Gott, an ein Leben nach dem Tod und an die Got­theit Christi glaubt. (Kapi­tel IV.)

Für Philosophen ist es schon mal ver­wun­der­lich, dass auf einen so unklaren Satz ver­wiesen wird: Wie bedeut­sam ist das “und” im Satz? Was ver­steht man genau unter “glauben”?

In einem aktuellen Inter­view mit Papst Franziskus findet man den inter­es­san­ten, auf das Chris­ten­tum bezo­ge­nen Satz:

Es darf keine spir­ituelle Ein­mis­chung in das per­sön­liche Leben geben.

Ein­mis­chun­gen kann es wegen mir, sofern sie rechtlich akzept­abel sind, dur­chaus geben. Er kön­nte aber auch das Ver­bit­ten von Bevor­mundung bezüglich des eige­nen Denkens meinen — und das wäre ein Ham­mer (nicht nur, weil man so Rus­sell und Flasch den Wind aus den Segeln nimmt): Man könne als Christ Agnos­tiker sein, der sich an den Geschichten der Bibel ori­en­tiert, im Grunde seine Überzeu­gun­gen aber selbst ver­ant­wortet. In gewisser Hin­sicht ver­stehe ich Kant so, der Beispiele aus der Bibel für passende Umset­zun­gen des Kat­e­gorischen Imper­a­tivs, der für sich genom­men von Kant philosophisch hergeleitet wird, hält.

Denis Schecks Druckfrisch und Martin Walser

Gestern Abend zeigte die ARD zum 10jährigen Jubiläum eine extralange Folge der Lit­er­atursendereihe Druck­frisch, in der Mar­tin Walser nicht fehlen durfte. Mar­tin Walser ist Dauer­gast in dieser Sendung, er taucht öfters auf als jeder andere Schrift­steller. Vielle­icht weil er jedes Jahr ein Buch schreibt und tat­säch­lich jedes zweite Buch in let­zter Zeit es wert war, ihn einzu­laden. Ich kann das nicht ein­schätzen, Tod eines Kri­tik­ers war der let­zte Walser, den ich las. Auch ich emp­fand die Schilderun­gen in diesem Buch teils anti­semi­tisch. Zudem fand ich es lahm und unin­spiri­erend, unge­fähr so wie die Fernse­hauftritte Walsers.

In Druck­frisch wurde die Kri­tik der anti­semi­tis­chen Darstel­lun­gen bei Walser nie ange­sprochen, auch wenn sie aktuell waren, auch wenn Walser dauernd vor­bei schaut. Beim dies­ma­li­gen Auf­tauchen Walsers in Druck­frisch gibt es auf der Inter­net­seite einen merk­würdi­gen Begleit­text, in dem die Anti­semitismu­vor­würfe abge­han­delt werden:

Der Kon­flikt eskalierte noch ein­mal 1982, als Walser den (Schlüssel-) Roman “Tod eines Kri­tik­ers” veröf­fentlichte, dessen Vor­ab­druck die FAZ ver­weigerte und der Walser den nicht nach­weis­baren Vor­wurf ein­brachte, anti­semi­tisch zu sein.

Der Vor­wurf lautete nicht, Walser sei anti­semi­tisch, son­dern der Roman. Und dazu kann man sicher­lich einen Nach­weis führen, was auch schon(s.u.) geschah. Aber weiter im Text:

Als er 1998 den “Frieden­spreis des deutschen Buch­han­dels” erhält, kri­tisiert er in seiner Dankesrede die Instru­men­tal­isierung von Auschwitz und stellt die These auf, dass die per­ma­nente The­ma­tisierung des Holo­caust eher das Wegschauen zur Folge hätte. Die erneute Anschuldigung des Anti­semitismus sowie die sehr heftig aus­ge­tra­ge­nen Debat­ten in der deutschen Öffentlichkeit wer­den erst nach einem gemein­samen Gespräch von Walser mit Ignaz Bubis, dem Vor­sitzen­den des Zen­tral­rates der Juden in Deutsch­land, beigelegt mit der Fest­stel­lung, dass für den Umgang mit der deutschen Ver­gan­gen­heit noch keine angemessene Sprache gefun­den sei.

Von dieser Bei­le­gung weiß man bei der Süd­deutschen Zeitung nichts:

Das Gespräch war damals ohne einen Abschluss been­det wor­den: Bubis hatte zwar seinen Vor­wurf gegenüber Walser, dieser sei ein “Brand­s­tifter” des Anti­semitismus, zurückgenom­men, aber weiter darauf insistiert, die Friedenspreis-Rede sei missver­ständlich gewe­sen. Walser hinge­gen hatte darauf beharrt, völ­lig ein­deutig gesprochen zu haben.

Es ist mir eigentlich unerk­lär­lich, wie der Faux pas um die falsche Jahre­sangabe von Tod eines Kri­tik­ers entste­hen kon­nte. Schreibt hier Mod­er­a­tor Denis Scheck, der Lesun­gen mit Walser abhält? Oder irgend ein Prak­tikant? Es ist kein Verse­hen, dass Walsers Tod eines Kri­tik­ers um zwanzig Jahre ins Jahr 1982 ver­frachtet wird – der Autor glaubt offen­bar wirk­lich an diese Jahreszahl, denn er schreibt 1998 sei er erneut wegen anti­semi­tis­chen Anschuldigun­gen kri­tisiert wor­den. Da scheint jemand keine Ahnung zu haben, von dem, was er da schreibt.

Und dieser jemand kennt wohl auch nicht die Studie, die sich mit den anti­semi­tis­chen Vorkomm­nis­sen in Walsers Werk beschäftigt. Elke Schmit­ter schreibt dazu:

In Walsers Werk allerd­ings kann man lesen, dass die Abwehr von Trauer und Mit­ge­fühl auch die Selb­stre­flex­ion nach­haltig schädigt.

Offen­bar auch die Fremdreflexion.

Oliver Welke & Dietmar Wischmeyer: Frank Bsirkse macht Urlaub auf Krk – deutsche Helden privat

77 fik­tive Por­traits deutscher Promi­nen­ten, geschrieben teils von Oliver Welke, teils von Diet­mar Wis­chmeyer, und daher teils lang­weilend unin­spiri­ert und teils unter­halt­sam bis höch­stamüsant. Wis­chmeyer hat diese Por­trait­form in der ARD mal vorge­führt, unge­fähr so funk­tion­ieren die guten Por­traits, wenn sich auch die Stilmit­tel ab und an wieder­holen und somit dem Leser bekannt vorkommen:

Ander­er­seits ver­steht es Wis­chmeyer, Promi­nente an ihrer Achilles­verse, der Eit­elkeit, zu tre­f­fen und sein Pub­likum mit einem einzi­gen Satz in schal­len­des Gelächter zu ver­set­zen. Wie hier bei Ger­hard Schröder:

Wenn Schröder mor­gens das Bad ver­lässt, dann ist er sicher, dass sein Bild im Spiegel noch minuten­lang ver­harrt, ehe es erlischt.

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