Mahlzeit!

Lokführerstreik

Ich vertrete mir kurz vor dem Essener Haupt­bahn­hof die Füße und tre­ffe auf einen Zug­be­gleiter, der sich ger­ade eine Zigaret­ten­pause gönnt.

Na, mor­gen großer Streiktag?”

- “Na, das wer­den wir mal sehen. Genau weiß noch keiner, was mor­gen los ist. Eigentlich alles ein ganz großer Schwachsinn. Und wenn die sich mor­gen wieder wie beim let­zten Mal zum Grillen verabre­den, die Lok­führer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch ein­mal Ärger gibt.”

Der Vor­sitzende der GDL war ja früher auch Lokführer.”

- “Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wis­sel­ski oder wie der heißt, den küm­mert es doch einen Scheiss, ob die Leute hin­ter­her 3% mehr oder 5% mehr bekom­men. Sie kön­nen mor­gen aber auf jeden Fall den RE2 nehmen, die fährt.”

Aber wenn nach so einer Ankündi­gung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgend­wie unglaubwürdig.”

- “Ich muss ja sowieso mor­gen antreten, ich darf nicht streiken. Sie kön­nen auch über Biele­feld fahren. Der RE6 fährt auch. Je nach­dem, wohin Sie wollen.”

Nanu? Wieso dür­fen sie nicht streiken?”

- “Ich bin beim Sub­un­ternehmen angestellt. Wir kom­men mor­gen hier zum Bahn­steig, und dann wird uns gesagt, wo wir fahren. Oder wir rauchen uns stun­den­lang eine. Das wird eine Scheisse. In Deutsch­land müssen Sie Mil­lio­nen auf der hohen Kante haben oder sie haben die Arschkarte.”

Ein Sub­un­ternehmen, das ihren Angestell­ten Namenss­childer der Deutschen Bahn zur Ver­fü­gung stellt?”

- “Gut, ne?”

Ganz großes Kino.”

- “Ja, die Bahn ist halt inzwis­chen ein wirtschaft­sori­en­tiertes, nee, warten Sie, wie heißt das noch? Ein kostenop­ti­mieren­des Unternehmen. Ich muss jetzt wieder rein. Schö­nen Abend noch!”

Hoeneß

Da tre­ffe ich den Uli an der Wurst­braterei, wie er sein Würstchen ger­ade in den Senf auf der Papp­schale tunkt. Bes­timmt wie immer, mäßig Anteil nehmend an seiner Umge­bung. Und irgend­wie bleibt man doch nicht schweigend daneben stehen.

Alles gut?”

- “Was soll schon sein? Läuft alles.”

Naja, die Presse und die Staat­san­waltschaft sitzt dir doch im Nacken. Angenehm ist das doch sicher­lich nicht.”

- “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer darauf ver­lassen, selbst zu kämpfen. Immer. Sowas schock­iert mich nicht son­der­lich. Und wenn man dann so grandios gegen den wichtig­sten Fuss­bal­lverein der Welt gewinnt, dann bestätigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgendwelche Hinterzimmeradvokaten.”

Aber genau die kön­nen dir doch ans Bein pinkeln.”

- “Das ist auch nichts Neues. Wenn sie so lange einem Verein vorste­hen, da müssen sie wis­sen, wie sie mit Leuten umge­hen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weniger Eit­elkeit, als vielmehr Selb­st­be­haup­tung und der Erfolg zeigt, dass das im Sinne der Sache war.”

Und wo bleibt die Rück­endeck­ung, außer von Franz und Kalle?”

- “Da draußen wird kein Fußball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es keine Man­ndeck­ung, da wird nicht abgep­fif­fen, wenn jemand dich foult. Da musst du vor­sor­gen. Schau, die Spanier waren ja vor­bildich, was ihre Net­zw­erkar­beit anging. Nur war die viel zu stark vom Finanziellen abhängig. Bei uns wirken zudem andere Kräfte. Wir sind nicht so finanzs­tark, dafür kip­pen wir nicht um, wenn eine Säule insta­bil ist. Und bei mir funk­tion­iert das ähnlich.”

Das heißt, dein Ein­fluss wird nicht weniger, selbst wenn du fallen solltest?”

- “Das wer­den wir ja noch sehen.”,

sagte Ulli, biss noch ein­mal von seiner gesen­ften Bratwurst ab, schiefte ordentlich in sein Stoff­taschen­tusch, warf die gebrauchte Papp­schale in den über­vollen Mül­lkorb, nickte mir bes­timmt zu und schlurfte zu seinem Audi rüber, den er mit seiner Schlüs­selfernbe­di­enung auf­blinken ließ.

Lauter Loser

Neulich traf ich Gott in meiner Stammkneipe und zwis­chen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

Sag mal, was ist denn da oben eigentlich los? Ein sparsüchtiger Argen­tinier wird Papst, durch die Wirtschaft ver­lot­tert die Moral und das Wet­ter passt doch auch vorne und hin­ten nicht.”

- “Ach, hör bloß auf!”

Na, sag doch!”

- “Das war damals wun­der­bar geplant: Die Moral wird an die Kirche out­ge­sourced und wir kön­nen uns da oben einen schö­nen Lenz machen, uns mehr um das Große und Ganze küm­mern, du verstehst?”

Das Große und Ganze?”

– “Ich wollte eine zweite Welt erschaf­fen, mit weniger Bugs. So mit stärk­erem Prozes­sor, aber dieses Mal intern, nicht extern, ver­stehste, geil­erer Grafik sowieso, aktuellere Net­zw­erk­tech­nik, bessere Kon­den­satoren, sowas halt – und irgendwo energiesparender.”

Woran haperte es denn?”

– “Ja, kon­nte unsere­ins denn ahnen, dass man wegen dem Alt­teil da immer um Sup­port gebeten wer­den? Dauernd zankt sich wer, dauernd verzweifelt wer, dauernd wun­dert sich einer, dass er das Teil wirk­lich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Weit­er­en­twick­lung küm­mert sich keiner so recht, nur um Unterhaltung.”

Aber die Reli­gio­nen ver­suchen ja immer­hin, den Laden zusam­men zu halten.”

- “Ja, genau! Was die Reli­gio­nen sich da zusam­men­spin­nen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll ange­blich alles auch noch gesagt und befohlen haben. Na, schö­nen Dank auch. Als hätte ich nichts besseres zu tun als tausend­seit­ige Betrieb­san­leitun­gen rauszugeben. Und da soll ich mich auch noch ums Wet­ter küm­mern. Ja, bin ich denn der Haus­meis­ter, oder was? Ich habe sowas kom­plexes wie die Erdanziehungskraft ertüftelt, aber auf die Idee, einen Haus­meis­ter einzustellen, bin ich nicht gekom­men, oder was? Ich hab’ ein­fach keine Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schaute ich auf die trock­nen­den Bier­schaum­spuren am oberen Rand meines Glases bis mich der Gläser putzende Bar­keeper antippte: “Lass ihn ein­fach, heute ist nur einer dieser Tage.”

Großstadt

A large city can­not be expe­ri­en­tially known;
its life is too man­i­fold for any indi­vid­ual
to be able to par­tic­i­pate in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Aus­gabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Fre­undin und ihre Fre­undin kom­men erst in einer hal­ben Stunde, also starte ich ein Stadt­melan­cholieren, dieses Mal in einer Großs­tadt oder zumin­d­est einer, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimm­sten Uhrzeiten in Düs­sel­dorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrrad­fahrer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Baustel­lenam­peln der Fußgänger­zone und dauernd patschen ohrbestöpselte Men­schen auf ihre hell erleuchteten Com­put­ertele­fone. Einkaufen will keiner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürg­er­steige hochgeklappt wer­den. Selbst die Kniebet­tler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­dere in einen Arkaden­bau hinein. Auch hier: Gäh­nende Leere. Keine chi­ne­sis­che Geis­ter­stadteinkauf­s­pas­sage, aber eine gän­zlich unin­spiri­erende. Ich lehne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Klavier­musik an. Eine Barhock­er­sän­gerin intoniert Night & Day. Etwas merk­würdig, denn im Keller des Arkaden­baus ist nie zu erken­nen, ob ger­ade Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­weilen lädt mich nichts ein. Ich erin­nere mich an eine Pas­sage aus Erich Käst­ners Fabian, in der Fabian fes­thält, dass Kaufhäuser unheim­lich gut geeignete Orte für Stre­uner sind, die eh nichts kaufen, son­dern sich nur aufwär­men wollen, als ich die gut gewärmte Fil­iale einer Buch­han­dels­kette betrete. Hier wird mit Büch­ern noch Han­del betrieben, ins Auge sprin­gen nur Best­seller. Gute Bücher sucht man fast verge­blich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klam­ot­tengeschäften passiert, in Bücherä­den noch von Verkäufern ange­sprochen wurde, um bei der Lit­er­atur­suche behil­flich zu sein. Als ich zwei lau­thals tratschende Kol­legin­nen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schrift­stel­lerin­nen zu wer­den, danke ich inner­lich dafür, dass mir heute Lit­er­atur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgänger­zone, ab zum Schaus­piel­haus. Ich reg­istriere, dass kaum ein Geschäft irgen­det­was hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich diese Sachen? In der Par­fümeriefil­iale ent­decke ich einen dieser flach­brüsti­gen Flakon­body­guards, der nie lächelt und seinen Blick so mech­a­nisch schwenkt, als sei er schon ein Hal­bro­boter, der das mit der men­schlichen Kom­mu­nika­tion noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, werde ich Rausschmeisser.

Ich erre­iche nun über bepfütztes Baustel­lenge­biet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Beton­plat­ten markieren die Trost­losigkeit auf dem Vorhofs des Schaus­piel­hauses. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leer­ste­hende, hyh­nen­hafte Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und ent­decke im zweito­ber­sten Stock­w­erk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäudes ein vorm Com­puter sitzen­des Hoppermotiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schaus­piel­haus wieder verlassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schaus­piel­hauses, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem einzi­gen, der da ger­ade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Fre­undin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstel­lungs­be­ginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Nieder­län­derin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf ges­tran­det ist. Ges­tran­det ist vielle­icht ein zu ästhetis­ches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, keine Frage, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hin­unter in Rich­tung Kaiser­swerth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich — in Düsseldorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Fre­undin meiner Fre­undin an, dass sie es nie ver­standen hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzend­fach in Ham­burg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Karneval­szeit, sagt meine Fre­undin. Die Leute gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­sion über die Einkauf­s­pas­sagen und Cafés. Ach so.

Hubert Nörgelmöller: Computerhorchen

Ach, du liebes Biss­chen! Ja, früher, da war das roman­tisch und so. Das war ja auch alles nur in Fernse­hen. Da rit­ten die Amerikaner auf ihre gestriegel­ten Pfer­d­chen durchs wilde Wasweis­sich­nich­stan und eroberten die Prärie. Das waren die Guten. Die Bösen waren die Einge­bore­nen. Die lagen Tag ein, Tag aus auf der Lauer um rumzuschießen und Leute zu über­fallen. Humor hatte von denen keiner, da kan­nten die nix. Hab noch nie einen von denen mal lachen sehn. Nur über­fallen und Büf­fel­suppe aufkochen.

Als dann die Eisen­bah­nen erfun­den wur­den, da lagen sie dann anne Schienen zu horchen. Da machten die Loks wohl son­nen Krach, dass sich das über die Schienen angekündigt hat. Das war quasi, woll­masagen, der Vor­läufer vom Tele­fon. Nur halt noch Mono. Und wenn die Lok dann da war, wurde über­fallen und abends auf den Erfolg wieder ordentlich Büf­fel­suppe getrunken. Und immer so weiter.

Ja, und nun hat da wohl einer zu lange in Berlin die alten Winnetou-Folgen sich reingep­fif­fen getan. Jetzt wollen die das hier ein­führen. So nen Bun­desin­di­aner. Der liegt dann anne Geräte und horcht ab, was da so abgeht. Nur weil der diese Tele­fonier­ab­hörtech­nik vor Jahrhun­derten schon im Blut hatte. Die hamse dann über die Büf­fel­suppe weit­er­vererbt. So wird das wohl gewe­sen sein. Dass das doch eigentlich krim­inell ist, das stört die in Berlin gar nicht. Kön­nte man doch legal wer­den lassen, sagen se.

Na, hoch die Tassen. Irgend­wann sind wir soweit, da wer­den sie uns Büf­fel­suppe intra­ve­nieren. Aber lustig wird das nicht.

Verständnis

Nach­dem Sie sich ver­ab­schiedet hat, und sich der Boarding-Schlange zum Flieger angeschlossen hat, stehe ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Halle des Düs­sel­dor­fer Flughafens und betreibe etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebür­tig von der Krim, hat spät noch die deutsche Sprache gel­ernt und spricht daher etwas rade­brechend Deutsch mit jid­dis­chem Ein­schlag. Tagsüber marschiert sie stun­den­lang durch Düs­sel­dorf, abends schal­tet sie die Flim­merk­iste ein:

Chabe ich rus­sis­che Fernse­hen abbestellt. Chabe ich Enkel gesagt, machst du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Gle­iche, immer jam­mern sie, immer neg­a­tiv. Russen immer das­selbe. Schaue ich jetzt Car­men Nebel. Scheen. Und, äh, wie cheisst? Son­ntags, abends, Dirigent?

André Rieu, helfe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hände an die Brust

scheeeeeeeen, so scheeeeen. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Gün­ter Jauch.

Ist nicht leicht zu ver­ste­hen. Nicht leicht. Redet mon­tags Palas­berg, auch schwer, kann ich nicht gut ver­ste­hen. Kom­met dann Mais­chberga, kann ich sehr gut ver­ste­hen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut ver­ste­hen. Sehr gutt. Beek­mann, schwer. Redet schnell, so schnell. Ver­stehe nicht gutt. Aber Anne Will ver­stehe ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deut­lich, stimme ich bei.

Nur ver­stehe ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

Warum reden Deutsche so viel?

Nee, keine Ahnung, das weiß ich auch nicht.

Kauderwelsch

In jeder Fam­i­lie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merk­würdig ist. Der bei Kaf­fee und Kuchen stört, wo man doch ger­ade so ein­hel­lig beisam­men sitzt. Der pein­liche Sachen vom Stapel lässt, wo aller immer so ver­schämt ins Off ver­suchen zu gucken. Dessen Thema man schle­u­nigst über­labern möchte.

Bei den Nach­barn meiner Oma war das früher deren alter Opa. Der stand immer im Vor­garten und hat von dort aus das Welt­geschehen kri­tisiert, immer in der Hoff­nung, aber auch etwas wehmütig, auf eine bessere Zeit: “Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben.” Sowas wie junge Mäd­chen in Jeans, laut fußball­tre­tende Knirbse, nicht­grüßende Spatziergänger, knat­ternde Mofas, schreiende Schulkinder auf dem Weg zum Bus, Män­ner, die voll­bepackt ihren nicht­stra­gen­den Frauen hin­ter­her­laufen, Türken. So ziem­lich alles, was an Men­schlichem die Straße rauf und runter kam.

Dabei war Adolf nur das Syn­onym für Kon­ser­v­a­tiv­ität. Das Sosein der Alten, das Unflex­i­ble, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Vertei­di­gung der eige­nen Entwick­lung, unkri­tisier­bar ein­gelullt in den Gedanken, der Adolf hätte lediglich für all das ges­tanden. Wenn’s reg­nete wurde der Opa reinge­holt, so wie man den Son­nen­schirm rein­holt. Er wurde aber auch reinge­holt, wenn er für zu viel Auf­se­hen unter den Nach­barn sorgte. Man möchte eben nicht zu sehr Dorf­tratschthema sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Siegfried Kauder. Natür­lich darf ein jeder auch dort seine eigene Mei­n­ung haben. Inwieweit er sie bre­it­treten darf, wird aber schon noch kon­trol­liert. Kon­trol­liert, nicht gemobbt, das ist der CDU wichtig. So eine Mei­n­ung kann ja dur­chaus nüt­zlich sein, schließlich gibt es diverse Mei­n­un­gen in der CDU. Irgendwen wird man da schon bedienen.

Nun muss der Siggi wohl im Vor­garten ges­tanden haben und junge Men­schen kamen vor­bei. Die hat­ten sowas gemacht, wie ihre Mofas frisieren. Und, oh, wie ist der Siggi da ener­gisch gewor­den. Welch Frefeltat. Welch Unge­zo­gen­heit. Das muss ver­boten wer­den, streng­stens. Da muss man mit Härte range­hen. Damit die das mal ler­nen. Härte und Strenge, nicht die neu­mod­erne Tätschelver­we­ich­lichung. Das war schon früher gut so. Aus uns ist ja schließlich auch was gewor­den. Sowas brüllte der da im Vorgarten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa reinge­holt: Nee, nee, das ist jetzt nur ne Einzelmei­n­ung, die hat weder ne Mehrheit in unserem Haus, noch wird das ern­sthaft mit­ge­tra­gen, was der da im Vor­garten so raus­posaunt hat. Alles wieder gut, wir sind noch zurechnungsfähig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst nehmen würde.

Uwe

Sacha Brohm hat mir mal erzählt, er hätte früher unheim­lich gerne in etwas abge­halfterten Biele­felder Kneipen abge­hangen. Irgend­wann wäre man dann dort bekannt, “das ist der Sacha da”, und, wenn man aushält, würde man auf Typen tre­f­fen, die einem die merk­würdig­sten Geschichten erzählen.
Sowas in der Art war das beim let­zten Biele­felder Inter­net­ge­mein­de­tr­eff, kurz Biblo­stati, der Fall: Nach­dem der erste Bulk an Leuten die Heim­reise ange­treten hatte, und noch der harte Kern im düsteren Hin­ter­stübchen übrig blieb, kam ein erschüt­terter Womke vom stillen Örtchen zurück an den Stammtisch:

Also, das glaub­ste ja nicht. Da steht unsere­ins pullernd am Pis­sior, lehnt sich einer in meinen Bere­ich rüber und meint: “Ey, ich bin der Uwe. Ich hab, mor­gen Geburt­stag. Kommsse vor­bei, weiße schon mal bescheid. Bring­ste Wodka und 2 Cola mit, dann geht das klar. Also tschö dann.” und lehnt sich wieder weg.

Wir schüt­teln alle ver­wun­dert die Köpfe, machen nochmal kurz aus volle Gläser leere Gläser, da geht ne gute Stunde später die Tür auf: Uwe!

Hey, Jungs! Na, wie schaut’s? Ich bin Uwe. Nur mit das klar ist. Ich mach mor­gen ne Party, seid ihr alle dabei, Ernst-Wiemann-Straße, gegenüber vom Krankenhaus-Mitte, bringt ihr Wodka mit und 2 Cola, ich hab da auch noch ein Fahrrad draußen ste­hen, super Ange­bot, kostet auf­fer Liste 500, ihr kriegt das für 150, braucht noch jemand ein Fahrrad? Hab ich beim Poker gewon­nen, lag ein Tausender aufm Tisch. Spitzen­teil, kostet eigentlich 500, ihr kriegt das für 150, ich hab auch noch ein Damen­fahrrad zuhause, Ket­tler, könnt ihr angucken, kommt ihr mit, ich muss nochmal nach vorne, bis dann.

Ist ja super, denke ich. Eine Stunde später und er hat immer noch densel­ben Getränkewun­sch. Und wieso hat er nicht den Tausender genom­men, wenn er gewon­nen hat? Naja, wir lachen etwas, machen nochmal kurz aus volle Gläser leere Gläser und tendieren dann ab zur Theke. Am Ende der Theke höre ich schon Uwe, der eine hal­b­volle Becks­flasche schief hal­tend seinem Neben­mann hinhält:

… is noch frisch. Verkauf ich dir für 1,50.

Ich begle­iche meinen Deckel und dann sehe ich, dass Uwe tat­säch­lich ein Fahrrad neben sich in der Kneipe ste­hen hat und er haut seinen Neben­mann noch mal kurz an:

… kostet auf der Liste 500, für dich 250!

bis der aus der Kneipe flüchtet. So schnell steigen die Fahrrad­preise in der Tangente.

Grolloma

Ken­nen Sie noch diese uralte Allianz-Versicherung-Werbung mit dem Jun­gen, der dem Nach­baropa Kirschk­erne in den Nacken schnippt? Aus heutiger Sicht ein mehr als merk­würdi­ger Werbespot: Der kleine Junge schnippt dem Opa halt aus dem Kirschbaum beim Kirschk­er­nessen Kirschk­erne in den Nacken. Was für ein soziopathis­ches Kind. Der Opa droht dem Kind, wird aber dann vom Kinds­vater mit einem Eimer Kirschen entschädigt. Der Spot endet damit, dass das Kind aber­mals dem Opa einen Kirschk­ern in den Nacken schnippt, dieser greift sich getrof­fen an den Hals, schaut böse, aber dann scheißfre­undlich in den Nach­bar­garten. Die Moral von der Geschicht’ soll wohl die Läuterung des Gries­grams sein. Ich kön­nte mir aber auch vorstellen, dass der beschossene Opa einen Klein­gartenkrieg vom Stapel gelassen hat.

Naja, jeden­falls set­zten wir uns let­ztens in der Fußgänger­zone in die Straßen­bahn und saßen dort in drit­ter Reihe. Vor uns eine Afrikanerin, die nach Hause tele­foniert hat. Davor zwei rüstige Rent­ner­in­nen auf Kaf­feekränzchen­tour. Hin­ter uns eine Türkin die mit ihrem Vater auf türkisch Fam­i­lien­prob­leme löste.
Und die Oma ganz vorne links fühlte sich nun von der tele­fonieren­den Afrikanerin in ihrer Deutschheit ange­fein­det. Das merkte man dadurch, dass sie sich immer ziel­gerichtet zu ihrer Hin­ter­bank umdrehte mit der Ver­renkung des Kirschk­ern getrof­fe­nen Opas und einer Grol­lo­maop­tik. Ein­mal, zweimal. Ohne Wirkung. Auch ein unter­stützen­des Nörgel­stöh­nen hin­ter­ließ keine Wirkung. Die Afrikanerin tele­fonierte munter weiter. Vielle­icht kann man Grollgestiken nicht so ein­fach über­set­zen. Entweder hat sie Oma ignori­ert oder gar nicht wahrgenom­men.
Ver­wun­der­lich, dass alte Leute immer noch ern­sthaft glauben, mit Grollgestiken in der Öffentlichkeit andere Men­schen deck­eln zu kön­nen. Aber unsere Grol­loma gab sich nicht ein­fach geschla­gen und grollte ver­bal an ihre Mitrent­nerin gerichtet weiter:

Also sowas. Sowas hätte es ja früher nicht gegeben. Das greift jetzt immer mehr um sich. Über­all dieses Aus­ländisch.

Aber das ist mir natür­lich auch schon aufge­fallen, dass dieses Aus­ländisch immer mehr um sich greift. Dicht gefolgt von diesem anderen, das immer weiter um sich greift, dieses Rent­ner.

Auf dem Rücksitz

Soviel lokale Ver­bun­den­heit lasse ich mal hier rein: Da heute Arminia Biele­feld endgültig aus der 2. Fußball­bun­desliga abgestiegen ist und so in atem­ber­aubend kurzer Zeit von einem gut da ste­hen­den Erstli­ga­club zu einem quasi bankrot­ten Ama­teurverein gewor­den ist, hier mal ein kleines Schmankerl aus dem let­zten Jahr:

Gestern hab ich mal wieder meinen Lieblings-Taxifahrer in Biele­feld erwis­cht. Eigentlich hat er eine Finka auf Malle oder so und fährt nur noch spo­radisch in Biele­feld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dankbar. Die paar Minuten, die man in seinem Taxi ver­bringt, füllt er immer mit inter­es­san­ten Geschichten.

Als ich gestern ein­stieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Display WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt über­haupt nur noch ein Biele­felder. Nur ein Biele­felder, was ist denn daran Arminia Biele­feld? Außer­dem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird über­haupt nichts mehr, die über­schätzen sich ein­fach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hin­ten auf der Rückbank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Dau­men über seine Schul­ter nach hinten)

und haben ihre dreck­i­gen Geschäfte aus­gemacht und gemeint, wir hier vorne ver­ste­hen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jetzt… 55 Jahre wäre ich inzwis­chen Mit­glied beim VfB, die heis­sen ja jetzt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht aus­ge­treten wär. Ich hatte als kurzer Ben­gel immer so einen Trick, wie ich umsonst da reinkom­men kon­nte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekom­men habe. Und die denken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Piechaczek

(Er spricht den Nach­na­men ab chaczek aus wie einen Nieser.)

da hin­ten saß mit einer blonden Dame. Jedes mal ne andere. Und ein­mal, da sagt der: Herr Tax­i­fahrer, ken­ntens des Radio amal anmachen? Und dann kamen die Nachrichten und da sagten sie, dass jetzt auch Egon Piechaczek tiefer in den Skan­dal ver­wick­elt wäre. Her­ste? sagte der dann zu der Blonden, Her­ste? Die wollen mir diskraminieren. ‘Diskraminieren’ hat er gesagt. Tief ver­wick­elt war der. Ein dreck­iges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich ver­ab­schieden, da winkt er mich noch kurz heran:

Eines wollte ich Ihnen noch erzählen: Ein­mal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Sta­dion und das Spiel war so aufre­gend, da hat der sich so aufgeregt, dass er einen Herzkasper bekom­men hat. Mit­ten im Sta­dion. Und hin­ter­her erfährste, dass das Spiel schon vorher entsch­ieden war. Vorher schon. Der hätte fast den näch­sten Herzkasper bekom­men. Nee, nee. Wozu wollen Sie heute noch einen Herzkasper bekom­men? Die haben den ganzen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Tax­i­fahrer, da möchte man am lieb­sten gle­ich mit zurück fahren.

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Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/stephangeyer/ / CC BY-NC-ND 2.0

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