Die fehlende Stimme

In Deutsch­land startet ein neuer Nachricht­ensender, der den Anspruch erhebt, das bish­erige jour­nal­is­tis­che Feld um eine fehlende Stimme zu erweit­ern. Dem vom rus­sis­chen Staat haupt­säch­lich finanzierten Sender Kri­tis­ches Rus­s­land (kRud) wird dur­chaus zuge­traut, bes­timmte Ziel­grup­pen zu erre­ichen. Unser Reporter Har­ald Tribüne sprach mit dem Chefredak­teur von kRud, Herrn Wada Iknow.

Harald TribüneHerr Iknow, Kri­tis­ches Rus­s­land soll die deutsche Pres­se­land­schaft erweit­ern, was fehlt ihr denn?

Wir haben fest­gestellt, dass die Bere­itschaft für Infor­ma­tion­süber­mit­tlung von Staatlich­snachrichten nicht so gut funk­tion­iert wie bei uns. Wir haben beim Duis­burger Zoo nachge­fragt, ob Genosse Putin ein­mal kurz vor­bei schauen kön­nte, um im Affenkä­fig als inter­na­tionalem Fit­ness­be­weis an Lia­nen seine muti­gen Klet­terkün­ste vorzuzeigen, aber das wollte man den Affen nicht zumuten. Aber gut, machen wir Infor­ma­tion­ssendung ohne Tiere.

In ihrer Pressemit­telung sagen Sie, dass dem Jour­nal­is­mus eine fehlende Stimme zuge­ord­net wer­den soll, befindet sich der kri­tis­che Jour­nal­is­mus in Deutsch­land so in der Krise?

Ja, sehen Sie: Auch Kri­tik braucht eine Gegen­stimme. Das ist unser Anspruch.

Dem Sie aber nur insofern nachkom­men, als dass Sie alles auf Mei­n­ungsniveau nievellieren.

Wir hal­ten unsere Ziel­gruppe für stark genug, um sich aus dem Port­fo­lio selbst eine Mei­n­ung zu bilden.

Wobei Sie selbst kein gesamtheitliches Bild anvisieren, son­dern Sie berichten nur über ange­bliche Sachver­hal­ten, die fehlen. Wie wollen sie die aus­machen, wenn sie kein gesamtheitliches Bild zu Grunde legen?

Wir lesen andere Zeitun­gen und die wer­den ja wenig­stens etwas richtig machen kön­nen oder denken Sie nicht?

In diesen Zeitun­gen wer­den die Ver­schwörungs­the­o­retiker, deren Sie sich bedi­enen, ja wohl deswe­gen kaum in sach­lichen Analy­sen dargestellt, weil sie einer kri­tis­chen Darstel­lung eines Sachver­halts nicht dienen.

Auch das gehört zur Wahrheit, finden Sie nicht?

Aber das ist doch schon bekannt. Finden Sie nicht, sie dienen unterm Strich nur der Unter­wan­derung des west­lichen Jour­nal­is­mus’ durch plumpe rus­sis­che Propaganda?

Ja, sehen Sie: Solche Ver­hält­nisse gibt es doch längst. Der Öffentliche Rund­funk in Deutsch­land ist von der Poli­tik ges­teuert und der Nachricht­en­sprecher der Bun­desregierung hat auch kein Prob­lem damit, Jour­nal­is­mus mit Pro­pa­ganda zu tauschen und sich auf 140 Zeichen zu begren­zen. Wir sind insofern auch eine Art Spiegel. Aber eher der von früher, nicht dieses Lifestyle­heft unserer Tage.

Herr Iknow, bis hier­her: Vie­len Dank für das Gespräch.

Christian Steiffen vom NDR geschnitten?

Chris­t­ian Steif­fen ist bei der November-Ausgabe von Ham­burg Sounds aufge­treten. Zusam­men mit Valerie Sajdik sang er erst­mals das Lied “Du und ich” live. Aber so recht passt das dem NDR nichts ins Bild:

Drei Frauen, drei starke Stim­men — drei Stun­den tolle Musik, so lässt sich der Mon­tagabend in der Alton­aer Fab­rik zusammenfassen.

Ja, äh, unter der Prämisse, dass man unter den Tisch fallen lässt, dass auf der Bühne auch ein Mann gesun­gen hat, lässt sich das so zusam­men fassen. Das sollte man sich mal in umgekehrter Kon­stel­la­tion trauen. Oder hat das Pub­likum den Sänger nicht wahrgenom­men:

Drei Sän­gerin­nen haben am Mon­tagabend das Pub­likum von Ham­burg Sounds verza­ubert — mit san­ften Tönen, starken Stim­men und Tex­ten, die unter die Haut gingen.

Natür­lich gehen auch die Texte von Chris­t­ian Steif­fen irgend­wie unter die Haut, aber das hätte ich so auch nicht in den Text geschrieben. Jeden­falls kur­siert das Gerücht, als solle sein Auftritt in der Hör­funknachbeschal­lung am Sam­stag dem Schnitt zum Opfer fallen.

Da fra­gen wir doch mal nach.

The right coordination

I hope no guy is present at that time:

Lokführerstreik

Ich vertrete mir kurz vor dem Essener Haupt­bahn­hof die Füße und tre­ffe auf einen Zug­be­gleiter, der sich ger­ade eine Zigaret­ten­pause gönnt.

Na, mor­gen großer Streiktag?”

- “Na, das wer­den wir mal sehen. Genau weiß noch keiner, was mor­gen los ist. Eigentlich alles ein ganz großer Schwachsinn. Und wenn die sich mor­gen wieder wie beim let­zten Mal zum Grillen verabre­den, die Lok­führer, dann weiß ich nicht, ob das nicht noch ein­mal Ärger gibt.”

Der Vor­sitzende der GDL war ja früher auch Lokführer.”

- “Der war ja schon in der DDR so ein hohes Tier. Aber den Wis­sel­ski oder wie der heißt, den küm­mert es doch einen Scheiss, ob die Leute hin­ter­her 3% mehr oder 5% mehr bekom­men. Sie kön­nen mor­gen aber auf jeden Fall den RE2 nehmen, die fährt.”

Aber wenn nach so einer Ankündi­gung nicht gestreikt wird, macht man sich auch irgend­wie unglaubwürdig.”

- “Ich muss ja sowieso mor­gen antreten, ich darf nicht streiken. Sie kön­nen auch über Biele­feld fahren. Der RE6 fährt auch. Je nach­dem, wohin Sie wollen.”

Nanu? Wieso dür­fen sie nicht streiken?”

- “Ich bin beim Sub­un­ternehmen angestellt. Wir kom­men mor­gen hier zum Bahn­steig, und dann wird uns gesagt, wo wir fahren. Oder wir rauchen uns stun­den­lang eine. Das wird eine Scheisse. In Deutsch­land müssen Sie Mil­lio­nen auf der hohen Kante haben oder sie haben die Arschkarte.”

Ein Sub­un­ternehmen, das ihren Angestell­ten Namenss­childer der Deutschen Bahn zur Ver­fü­gung stellt?”

- “Gut, ne?”

Ganz großes Kino.”

- “Ja, die Bahn ist halt inzwis­chen ein wirtschaft­sori­en­tiertes, nee, warten Sie, wie heißt das noch? Ein kostenop­ti­mieren­des Unternehmen. Ich muss jetzt wieder rein. Schö­nen Abend noch!”

Kaffeeschlürfer 9: Mikroprobe

Down­load

Tralafitti

Wieso eigentlich steht Pip­fax im Duden und bei der Suche nach Tralafitti kommt sowas:

tralafitti

The unexpected tenuousness

Some­times you get the best new idea’s where you don’t expect them:

Kaffeeschlürfer 8: Das Zeitalter der neuen Qualität
Dave Eggers — The Circle

buchleser

Die frisch geback­ene Uni-Abolventin Mae kommt auf Anraten ihrer Fre­undin bei der größten, Infor­ma­tio­nen sam­mel­nden Firma unter. Gle­ich zu Beginn wird sie her­zlich begrüßt, auf die Wichtigkeit der Gemein­schaft im Unternehmen eingeschworen, während man gle­ichzeitig all ihre per­sön­lichen Infor­ma­tio­nen abgreift, die ver­füg­bar sind. Mae verin­ner­licht bere­itwillig die Arbeit­sat­titüde mehr und mehr und fällt die Kar­ri­ereleiter hoch. Das führt allerd­ing zu Prob­le­men im pri­vaten Bereich.

Eggers Roman ist eine neuzeitliche Mis­chung aus Orwells 1984 und Rhues Die Welle. Lei­der ist das hoch hin­aus wol­lende, aber geist­lose und klis­chee­hafte Buch strun­zlang­weilig geraten.

Kaffeeschlürfer 7: Provinzmob
Juli 2015
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